Tue, 15. Sept 2026   Fuchs, Sandra

„Gut genug“ für eine Promotion?

Viele Studierende zweifeln, ob sie das Zeug für eine Promotion haben. Doch woran entscheidet sich eigentlich, ob eine Promotion der richtige Weg ist? Verena Bauernschmidt hat ihre Promotion an unserer Fakultät gerade abgeschlossen. Ihr Weg zeigt: Die Entscheidung für eine Promotion muss nicht schon während des Studiums feststehen – und Zweifel daran, ob man „gut genug“ für die Wissenschaft ist, schließen eine erfolgreiche Promotion keineswegs aus.

Was kommt eigentlich nach dem Studium? Für manche Absolvent*innen führt der nächste Schritt direkt in ein Unternehmen, eine Behörde oder eine Organisation. Andere entscheiden sich dafür, noch tiefer in ein Thema einzusteigen und zu promovieren. Eine Promotion bedeutet, über mehrere Jahre eigenständig wissenschaftlich zu arbeiten und mit der Dissertation einen eigenen Beitrag zur Forschung zu leisten. 

Der Weg dorthin kann sehr unterschiedlich aussehen. Manche wissen schon während des Studiums, dass sie in der Wissenschaft bleiben möchten. Andere entdecken die Forschung erst später für sich oder kehren nach einigen Jahren Berufserfahrung an die Universität zurück. Und längst nicht alle, die grundsätzlich Freude am wissenschaftlichen Arbeiten haben, sehen sich selbst sofort als zukünftige Doktorand*innen.

Muss ich schon im Studium wissen, dass ich promovieren möchte? Bei Verena Bauernschmidt war das jedenfalls nicht so. Während ihres Studiums an der Ruhr-Universität Bochum arbeitete sie als Hilfskraft an einem Lehrstuhl. Datenauswertungen und das Lesen empirischer Paper machten ihr Spaß und gegen Ende des Studiums hätte sie sich dort sogar auf eine Promotionsstelle bewerben können. Trotzdem entschied sie sich zunächst dagegen. Sie konnte sich damals weder vorstellen, vor vielen Studierenden zu stehen und zu lehren, noch fühlte sie sich „gut genug“ für die Forschung.

Eine Rolle spielte dabei auch, wie wenig sichtbar eine Promotion für sie bis dahin als mögliche berufliche Option gewesen war. Verena kommt aus einem nicht akademischen Haushalt und auch in ihrem Freund*innenkreis gab es zu diesem Zeitpunkt keine Berührungspunkte mit Promotionen. Was eine Promotion konkret bedeutet, welche Anforderungen damit verbunden sind und welche beruflichen Wege danach offenstehen, war für sie schwer einzuschätzen.

Sie entschied sich deshalb nach dem Studium zunächst für einen anderen Weg und arbeitete einige Jahre außerhalb der Universität – weiterhin mit Bezug zur Datenauswertung. Das Interesse am wissenschaftlichen Arbeiten blieb jedoch. Mit mehr Berufserfahrung und Selbstvertrauen kehrte sie schließlich an die Universität zurück und begann ihre Promotion. Ihr Beispiel zeigt auch: Die Entscheidung für oder gegen eine Promotion muss nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt fallen. Wer nach dem Studium zunächst Berufserfahrung sammelt, verbaut sich damit nicht automatisch den Weg zurück in die Wissenschaft.

Was bedeutet es eigentlich, zu promovieren? Wer promoviert, beschäftigt sich über einen längeren Zeitraum intensiv mit einer wissenschaftlichen Fragestellung. Das bedeutet recherchieren, Daten erheben und auswerten, Ergebnisse einordnen, Texte schreiben, die eigene Forschung präsentieren und sich immer wieder der Diskussion mit anderen Wissenschaftler*innen stellen.

Verena untersuchte in ihrer Dissertation aus sozialpsychologischer Perspektive, was Menschen dazu bringt – oder davon abhält –, sich umweltfreundlich zu verhalten. In vier empirischen Arbeiten beschäftigte sie sich beispielsweise damit, unter welchen Bedingungen Informationen eine moralische Verpflichtung hervorrufen können, umweltfreundlichere Produkte zu kaufen, oder wie sich Umweltaktivistinnen und umweltfreundliche Konsumentinnen hinsichtlich ihrer Motivation und ihres Verhaltens unterscheiden.

Das eigene Forschungsthema über mehrere Jahre hinweg aus ganz unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, kann reizvoll sein. Gleichzeitig gehört zu einer Promotion aber auch, dass Forschung nicht immer so funktioniert wie geplant. Gehören Zweifel also zu einer Promotion dazu?

Forschungsfragen verändern sich, Ergebnisse fallen anders aus als erwartet, Paper werden abgelehnt und die eigene Arbeit wird immer wieder kritisch diskutiert. Gerade wer darüber nachdenkt zu promovieren, sollte deshalb nicht nur die fachliche Seite im Blick haben. Eine Promotion verlangt auch Ausdauer und die Fähigkeit, mit Unsicherheit und Rückschlägen umzugehen. Dass selbst eine sehr erfolgreiche Promotion nicht bedeutet, immer von der eigenen Arbeit überzeugt zu sein, hat Verena selbst erlebt.

Was war während deiner Promotion die größte Herausforderung – und wie bist du damit umgegangen?

„Die größte Herausforderung war, nicht den Mut und das Selbstvertrauen zu verlieren. Obwohl ich mich eigentlich als optimistischen Menschen bezeichnen würde, war das teilweise sehr schwierig: Ablehnungen von Journals, die Erkenntnis, dass für bestimmte Forschung, Konferenzen und Forschungsaufenthalte erhebliche finanzielle Mittel notwendig sind, und der ständige Vergleich mit Forschenden, die tolle Ideen haben und auch die Mittel, grandiose Forschung umzusetzen. Trotz Zweifeln an der Relevanz der eigenen Forschung und den eigenen Fähigkeiten dranzubleiben, war nicht immer einfach. Mir hat es geholfen, mit meinem Umfeld darüber zu sprechen, mich zu erden und daran zu erinnern, dass ich mehr bin als meine Forschung. Auch ein Coaching beim Graduate Center Plus war hilfreich und die Frage, wie viele Menschen in ihrer Dissertation wohl tatsächlich das Rad neu erfinden.“

Neben solchen schwierigen Phasen gehören zur Promotionszeit aber auch Erfolgserlebnisse. Für Verena waren das nicht nur die großen Meilensteine. Sie erinnert sich beispielsweise daran, wie sie sich trotz ihrer Zweifel traute, ihre Forschung vorzustellen, und lernte, auch kleinere Konferenzen oder Workshops als Erfolg wahrzunehmen. Ein besonderer Moment war schließlich die Annahme ihres ersten Papers in einem wissenschaftlichen Journal.

Am Ende schloss sie ihre Dissertation mit summa cum laude, der bestmöglichen Bewertung, ab. Gerade vor dem Hintergrund ihrer anfänglichen Zweifel ist das eine schöne Wendung ihrer Geschichte. Die Note selbst ist für Verena dabei gar nicht das Entscheidende:

Was bedeutet diese Auszeichnung für dich persönlich?

„Die Note an sich bedeutet mir gar nicht so viel, auch wenn sie natürlich eine schöne Auszeichnung ist. Gleichzeitig war es toll zu lesen, wie die Gutachter meine Arbeit bewerten, und bei meiner Disputation zu hören, wie mein Doktorvater mich als Forscherin beschreibt. Besonders schön war es auch zu erleben, wie stolz die Menschen auf mich waren, die wussten, dass die Promotionszeit für mich nicht immer einfach war.“

Eine allgemeingültige Antwort darauf ob eine Promotion der richtige Weg ist, gibt es nicht. Auch ein sehr guter Studienabschluss bedeutet nicht automatisch, dass eine Promotion der richtige nächste Schritt ist – genauso wenig sollten Selbstzweifel allein ein Grund sein, diesen Weg von vornherein auszuschließen.

Entscheidender ist die Frage nach der eigenen Motivation. Habe ich Freude daran, wissenschaftlichen Fragen auf den Grund zu gehen? Arbeite ich mich gerne intensiv in ein Thema ein? Kann ich mir vorstellen, über einen längeren Zeitraum an einer Forschungsfrage zu arbeiten? Und welche beruflichen Möglichkeiten möchte ich mir mit einer Promotion eröffnen?

Gerade der letzte Punkt ist wichtig: Eine Promotion führt nicht automatisch in eine Professur. Promovierte arbeiten später in ganz unterschiedlichen Bereichen innerhalb und außerhalb der Wissenschaft. Deshalb lohnt es sich, schon vor der Entscheidung zu überlegen, was man sich von einer Promotion verspricht. Genau dazu rät auch Verena:

Welchen Rat würdest du Studierenden oder Nachwuchswissenschaftler*innen geben, die selbst über eine Promotion nachdenken?

„Ich würde empfehlen, sich über die eigene Motivation klar zu werden. Die Vorstellung, dass man mit einem Doktortitel grundsätzlich ‚bessere‘ Jobs bekommt, kann aus meiner Sicht schnell zu Enttäuschungen führen und trägt wahrscheinlich auch nicht durch eine oft sehr lange Promotionszeit. Das Interesse an einem Thema, die Freude daran, weiterzulernen, sich intensiv in Dinge einzuarbeiten und ihnen auf den Grund zu gehen, kann dagegen auch durch schwierigere Phasen tragen. Da nicht alle Professor*in werden können oder wollen und eine Promotion auch andere berufliche Wege eröffnet, würde ich mich außerdem frühzeitig darüber informieren, welche Möglichkeiten es gibt und ob darunter Wege sind, die man selbst spannend findet.“

Verena selbst hat sich zunächst dafür entschieden, ihren Weg in der Wissenschaft fortzusetzen. Heute arbeitet sie als Postdoc am Lehrstuhl für Gesundheitsökonomik von Martin Karlsson. Dort ist sie unter anderem in einem DFG-Projekt zur Benachteiligung von Frauen im wissenschaftlichen Kontext sowie als Projektmanagerin in einem EU-geförderten internationalen Doktorand*innen-Netzwerk der Marie-Skłodowska-Curie-Maßnahmen tätig. Gleichzeitig forscht sie weiterhin zu umweltfreundlichem Verhalten.

Ihr Weg ist damit keine allgemeingültige Anleitung für eine erfolgreiche Promotion. Aber er zeigt, dass eine wissenschaftliche Laufbahn nicht von Anfang an feststehen muss – und dass die Frage „Bin ich gut genug?“ vielleicht gar nicht die wichtigste ist. Mindestens ebenso entscheidend ist die Frage: Ist wissenschaftliches Arbeiten etwas, das mich so sehr interessiert, dass ich mich mehrere Jahre intensiv darauf einlassen möchte?